"Volk auf dem Weg" - Geschichte mit 'Aha-Effekt '
Veranstaltungsreihe richtet Fokus auf Lebenswelten der Russlanddeutschen

Es geht darum, die Menschen zu bewegen, aufeinander zuzugehen und miteinander zu reden. "Wir können mit gutem Beispiel vorangehen", sagt Emma Schiller vom Jugendmigrationsdienst der Arbeiterwohlfahrt. Sie weiß aus eigener Anschauung, was es heißt, sich aufzumachen, vieles hinter sich zu lassen und sich in einer neuen Lebenswelt einzurichten. "Volk auf dem Weg" steht als Titel über Bildern und Texten zur Geschichte und Gegenwart der Deutschen aus Russland.
Anliegen und Aussagen dieser Ausstellung werden in Soest nun gut 750 Schüler des Hubertus-Schwartz-Berufskollegs beschäftigen. Gefördert vom Bundesinnenministerium sind die Tafeln Thema im Unterricht. Im Zentrum stehen Gespräche mit Jakob Fischer aus Kasachstan sowie Josef Schleicher aus Russland. Als Gastlehrer vermitteln sie mehr als dreißig Klassen in Doppelstunden die vielfältigen Formen der Migration, berichten über eigene Erlebnisse und Erfahrungen und machen immer wieder deutlich, was ihnen wichtig ist: Aus der Vergangenheit lernen und Fehler von damals nicht wiederholen; Vorurteile abbauen, Verständnis entwickeln. Diese Botschaft trägt auch den Abend der Begegnung am 16. Juni.
"Wir möchten Augen und Herzen öffnen", hebt Antonia Domke hervor. Sie gehört dem Verein "Kultur A-Z" an, der sich in Sachen Brückenbau und Aufklärung engagiert. Und sie findet klare Worte: "In Soest leben etliche Spätaussiedler, die durch den Horror der Arbeitsarmee und Kommandantur gegangen sind und sich an alles noch gut erinnern können." Antonia Domke geht damit auf die Vertreibung der Russlanddeutschen aus angestammten Gebieten wie Wolga, Krim, Kaukasus und Ukraine ein und damit auf den Erlass aus dem Kreml zur Zwangsumsiedlung am 28. August 1941.
Sie spricht von einem "Trauertag", der sich jetzt zum 70. Male jährt. Den Blick immer wieder neu auf die Integration richten, auch aus unterschiedlicher Sichtweisen, darauf kommt es Christian Jatzek an, Lehrer am Hubertus-Schwartz-Berufskolleg. Seit einigen Jahren läuft an der Schule ein Projekt zur Förderung der Eingliederung junger Aussiedler. Es geht unter anderem um die Stärkung der sprachlichen und der sozialen Kompetenzen. Von der Dokumentation verspricht auch er sich viele Anstöße bei der Rückbesinnung auf die Wurzeln und das kulturelle Erbe der Russlanddeutschen: "Es wir Aha-Effekte geben."
(Quelle: Soester Anzeiger 4. Juni 2011)

Beeindruckende Schicksale
Hubertus-Schwartz-Schüler lernten bei der Ausstellung „Volk auf dem Weg" mehr über die Russland-Deutschen
Bedrückende Schicksale aus dem letzten Jahrhundert, die ihre Sicht auf die heutige Gesellschaft veränderten, lernten die Schüler des Hubertus-Schwartz-Berufskollegs nun kennen: Bei der Ausstellung „Volk auf dem Weg" erfuhren sie viel über die Geschichte der Russland-Deutschen. Ihre Anfänge hat diese Volksgruppe im Jahr 1763, als die damalige Zarin Katha- rina II. viele Deutsche mit Privilegien nach Russland lockte. In den folgenden Jahren folgten über 100.000 Siedler ihrem Ruf, ließen sich vor allem im „Wolga-Gebiet" im europäischen Teil Russlands nieder. Etwa 100 Jahre später wuchs mit der Gründung des Deutschen Reiches jedoch die Ablehnung der Russen gegen die Zugezogenen, die im Zweiten Weltkrieg schließlich in offene Verfolgung eskalierte: Über eine Million Russland-Deutsche wurden unter Stalin zur Zwangsarbeit in Lager deportiert.
Auch wenn sich die Grausamkeiten nach dem Krieg zurückentwickelten, blieben die so genannten „Wolga-Deutschen" Fremde im eigenen Land, so dass sich schließlich eine große Rückkehrer-Welle entwickelte: Die Aussiedler kehrten zu ihrem Ursprung zurück. All dies wurde den knapp 700 Schülern, die die Ausstellung im Laufe der Woche besuchten, nicht nur in Filmen und Schaubildern vermittelt, sondern aus erster Hand: Neben den Projektleitern Josef Schleicher und Jakob Fischer - selbst Russland-Deutsche - erzählten die Zeitzeugen Ida Bender und Emil Dohmke den Schülern ihre teils erschütternden Erlebnisse.
(Quelle: Soester Anzeiger 18. Juni 2011)

„Mit offenen Augen und Ohren aufeinander zugehen!“
Seit 1950 haben sich fast 4,5 Mio. Aussiedler, davon rund 2,5 Mio. aus der ehemaligen Sowjetunion, mehrheitlich gut in Deutschland eingegliedert. Nach § 7 des Bundesvertriebenengesetzes ist den Spätaussiedlern die Eingliederung in das berufliche, kulturelle und soziale Leben in der Bundesrepublik Deutschland zu erleichtern. Hierbei handelt es sich um eine gesamtstaatliche Aufgabe, an der Bund, Länder und Gemeinden mitwirken. Die Mehrheit der russlanddeutschen Aussiedlerfamilien aus der ehem. UdSSR, vor allem aus Russland und Kasachstan, hat sich im Kreis Soest gut eingelebt.
Mit einem Unterrichtsprojekt zum Thema Migration und Integration in Deutschland im Rahmen der bundesweiten Wanderausstellung „ Volk auf dem Weg. Geschichte und Gegenwart der Deutschen aus Russland“ will der Bundesverband der Deutschen aus Russland e.V., Stuttgart, mit Unterstützung durch das Bundesministerium des Innern, Berlin, und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), Nürnberg, in der Zeit vom 14. bis 17. Juni 2011 die Jugendlichen und die jungen Erwachsenen im Hubertus-Schwartz-Berufskolleg Soest, Hattroper Weg 16, ansprechen und verschiedene Schulklassen über Zuwanderung und Eingliederung von Migranten informieren und aufklären. Dieses Projekt wird in Kooperation mit dem Jugendmigrationsdienst der Arbeiterwohlfahrt (AWO), Unterbezirk Hochsauerland/Soest, durchgeführt.
Die Auftaktsveranstaltung ist am Dienstag, 14. Juni 2011, um 9.30 Uhr in der Aula des Berufskollegs. Am Donnerstag, 16. Juni, findet um 18 Uhr ein Abend der Begegnung mit Kulturprogramm, Filmvorführung auf Großleinwand, Vortrag und Führung durch die Ausstellung statt.
Die beiden Projektleiter - Jakob Fischer und Josef Schleicher, selbst ehemalige Geschichtslehrer aus Kasachstan und Russland, führen die Schulklassen durch die Ausstellung, zeigen Filme aus Großleinwand, informieren über die meist verbreiteten Vorurteile über Aussiedler, Ausländer und Asylbewerber sowie über die Geschichte und Kultur der Deutschen in Russland und Integration der Migranten in Deutschland.
Dies soll ein Beitrag sein, Vorurteile abzubauen, das Verständnis für die neuen Bürger zu fördern und damit ihre Eingliederung zu erleichtern. Zweifellos besteht ein Informationsdefizit über Geschichte und Kultur dieser Neubürger, so dass es immer wieder in manchen Teilen der Bevölkerung zu Missverständnissen und offener Ablehnung der Menschengruppen mit Migrationshintergrund kommt.
In diesem Unterrichtsprojekt wird das Thema Migration und Integration am Beispiel der Deutschen aus Russland vorgestellt. Hier geht es unter anderem um die Auswanderung der Deutschen nach Russland in den Jahren 1763-1862, das Leben in den deutschen Siedlungen an der Wolga, in der Ukraine, im Kaukasus, den Leidensweg dieser Volksgruppe und den aktuellen Stand der Dinge: den Zustrom der Spätaussiedler, besonders in den vergangenen 20 Jahren und über die damit verbundenen Integrationsprobleme unter den heutigen Gegebenheiten, Hilfen seitens der Bundesrepublik für diejenigen, die in der ehem. UdSSR bleiben wollen und vieles mehr.
Ein Teil der Bevölkerung sieht in den russlanddeutschen Spätaussiedlern eine finanzielle Belastung und ein öffentliches Problem. Dass hier gerade das Gegenteil der Fall ist, wollen manche nicht einsehen: Die deutschen Aussiedler sind ein Gewinn für Deutschland, da sie sich als verlässliche und willige Arbeitskräfte erwiesen haben.
Die einheimische Bevölkerung in Deutschland wird immer älter und der Rückgang der Geburtenzahlen ist kaum noch aufzuhalten. Russlanddeutsche dagegen bestehen überwiegend aus jungen Familien mit Kindern und tragen zu einer ausgewogeneren Bevölkerungsstruktur und Sicherung der Rentenkassen bei.
Ihr Beitrag für die Rentenkassen ist aufgrund ihres Kinderreichtums und ihrer im Bundesdurchschnitt eher geringen Arbeitslosenrate erheblich. Sie verfügen über eine gute Schul- und Berufsausbildung und sind flexibel, bescheiden und anpassungsfähig.
Sprachprobleme bestehen deshalb, weil es nach dem Zweiten Weltkrieg in der ehem. Sowjetunion keine deutschen Schulen mehr gegeben hat. Selbst die Verwendung der deutschen Sprache war in der sowjetischen Öffentlichkeit jahrzehntelang verboten.
Es ist höchste Zeit, dass das positive Bild der Aussiedler und anderer Menschengruppen mit Migrationshintergrund herausgestellt wird. In dieser Richtung werden bereits viele Anstrengungen unternommen, darunter auch dieses bundesweite Integrationsprojekt in den Schulen. Mit offenen Augen und Ohren aufeinander zugehen – lautet hier die Botschaft!
Russlanddeutsche: Vorurteile und Tatsachen
1. „Sie sind keine Deutschen, da sie kaum noch deutsch sprechen können! Sie wollen nur russisch reden und kapseln sich ab!“
Der Artikel 116 des Grundgesetzes regelt, wer Deutscher ist. Danach haben unter bestimmten Voraussetzungen Russlanddeutsche Anspruch auf Aufnahme in der Bundesrepublik Deutschland. Dazu gehören die Verfolgung und Benachteiligung infolge des Zweiten Weltkriegs und deren Folgen: Vor dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in die Sowjetunion am 22. Juni 1941 lebten ca. 2 Millionen Russlanddeutsche in geschlossenen deutschen Dörfern und kleinen Städten mit über 1.300 deutschen Schulen. Es existierten bis dahin die Deutsche Wolga-Republik sowie 16 deutsche Landkreise und 3.500 deutsche Siedlungen. Bei der Massenvertreibung nach Zentral-Asien im Jahre 1941 beherrschte die Mehrheit der Russlanddeutschen kein russisch. Seit dieser Zeit gibt es in Russland und in den 14 Ländern der ehemaligen UdSSR keine deutschen Schulen mehr. In den Zwangsarbeitslagern im Osten der Sowjetunion war den Russlanddeutschen die Pflege ihrer Muttersprache und Kultur strengstens untersagt. Sogar in den Schulen durften die Kinder während der Pausen nicht deutsch sprechen. Der Verlust der deutschen Sprache ist somit eine der schlimmsten Kriegsfolgen: Das Kriegsfolgenschicksal besteht für die Russlanddeutschen nach wie vor. Das ist auch der Grund für die mangelhafte Beherrschung der deutschen Sprache, insbesondere bei der jungen Generation. Ihre deutsche Kulturtradition haben sie aber weiter gepflegt und fühlen sich als Deutsche.
2. „Sie nehmen uns die Arbeitsplätze weg!“
Der Anteil der arbeitslosen deutschen Spätaussiedler liegt unter dem der ansässigen Bevölkerung. Sie nehmen oft Arbeiten an, die unter ihrer beruflichen Qualifikation liegen und kaum von einheimischen Arbeitnehmern verrichtet werden. Sie nehmen sogar den sozialen Abstieg in Kauf, um nicht von staatlicher Hilfe zu leben. Durch die Zuwanderung wird gleichzeitig die Inlandnachfrage gestärkt, die Wachstumsrate steigt.
3. „Der Staat schenkt ihnen Geld zum Bau oder Kauf eines Hauses!“
Es gibt keine staatlichen Gelder oder zinslose Kredite von der Bank zum Bau oder Kauf eines Hauses. Der Hausbau hat für Russlanddeutsche eine große Bedeutung: Heimat, Familie, Geborgenheit, Sicherheit, Gemeinschaft. Die meisten Deutschen wohnten in der ehem. UdSSR in eigenen Häusern als Großfamilien. Da es in Deutschland für Familien mit vielen Kindern kaum geeignete Wohnungen gibt, nehmen Russlanddeutsche Bankkredite zum Häuserbau auf, die noch ihre Kinder abzahlen werden. Sie sind bereit, auf Konsum und Urlaubsreisen zu verzichten. Sie gehen hohe Finanzrisiken ein und erbringen sehr viel Eigenleistungen: Familienangehörige, Verwandte und Freunde helfen beim Bau ohne Bezahlung als Zeichen der Solidarität mit.
4. „Sie haben nichts in die Rentenkasse eingezahlt, erhalten aber eine Rente!“
Russlanddeutsche bezahlen mehr in die Rentenkassen ein, als der Personenkreis der russlanddeutschen Rentnern in Anspruch nimmt. Ab 01. Januar 1993 erhalten Russlanddeutsche nur noch dann Rente, wenn sie als Deutsche anerkannt wurden. Die Rente liegt nur knapp über dem Sozialhilfesatz. Nichtdeutsche Ehepartner der Russlanddeutschen haben keinen Anspruch auf eine gesetzliche Rente. Als Beispiel: Von 10 Russlanddeutschen sind nur 2 Personen im Rentenalter, aber nur einer bekommt Rente. Dagegen zahlen 8 Personen in die Rentenkasse ein oder werden das in der Zukunft tun. Die einheimische Bevölkerung in Deutschland wird immer älter und der Rückgang der Geburtenzahlen ist kaum noch aufzuhalten. Russlanddeutsche dagegen bestehen überwiegend aus jungen Familien mit Kindern und tragen zu einer ausgewogeneren Bevölkerungsstruktur und Sicherung der Rentenkassen bei:
5. „Sie neigen zur Gewalttätigkeit und sind häufig kriminell!“
Wie zahlreiche offizielle Untersuchungen belegen, kann von einer überdurchschnittlichen Kriminalität der Deutschen aus der ehemaligen Sowjetunion keine Rede sein. So kam das Ministerium für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie des Landes Nordrhein-Westfalen am 3. März 2005 zu folgenden Ergebnissen:
- Die meisten (jungen) Spätaussiedler sind weder besonders kriminell noch besonders auffällig, sondern integrieren sich gut in unsere Gesellschaft!
- Unter den Spätaussiedlern befinden sich prozentual deutlich weniger Tatverdächtige als unter der Gesamtbevölkerung.
- Den kriminellen Aussiedler gibt es nicht!
- Bei den auffälligen Jugendlichen handelt es sich um eine kleine Gruppe.
- Deutsche Spätaussiedler sind im Hinblick auf Problemverhalten und Kriminalität insgesamt nicht auffälliger wie vergleichbare einheimische Deutsche.
- Russlanddeutsche konsumieren weit weniger Alkohol als angenommen wird.
- Der Prozentsatz der drogenerfahrenen Russlanddeutschen liegt erheblich unter dem Bundesdurchschnitt.
6. „Sie wollen sich nicht in die deutsche Gesellschaft integrieren!“
Die Integration der Deutschen aus Russland in Deutschland ist insgesamt eine Erfolgsgeschichte. Sie erfordert auch weiterhin die Unterstützung der Öffentlichkeit und Gesellschaft. Die Mehrheit der Russlanddeutschen ist bestrebt ausreichende deutsche Sprachkenntnisse und eine gute Schul- und Berufsausbildung zu erwerben, um sich erfolgreich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Sie wollen als Deutsche akzeptiert und in der Schule, am Arbeitsplatz und Wohnort nicht ausgegrenzt werden. Erwünscht sein, bedeutet für sie auch, dass sie in ihrer kulturellen Eigenheit angenommen werden. Unausreichende Informationen und bestehende Vorurteile führen häufig zur Ablehnung seitens der einheimischen Bevölkerung.
















